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www.unabhaengige-listen-freiburg.de | 16.10.2018

NS-Dokumentations- und Informationszentrum

Irene Vogel

Rede im Gemeinderat am 24. Juli 2018

Es hat viel, ja zu viel Zeit gebraucht: 73 Jahre seit der Befreiung vom Faschismus, 50 Jahre seit dem die 68er-Bewegung einen kulturellen Wertewandel ausgelöst hat - für eine umfassende Demokratisierung Deutschlands-  und ein Jahrzehnt lang hat es gedauert, seit in unserer Stadt die Forderung erhoben wurde, ein Dokumentationszentrum über die NS-Zeit und ihre Folgen in Freiburg einzurichten. Heute ist es nun endlich so weit.

Wir danken allen außerparlamentarischen Initiativen für ihren langen Atem. Ebenfalls Dank dem Leiter der städtischen Museen, Herrn von Stockhausen, Herrn Kalchthaler vom Museum für Stadtgeschichte und dem begleitenden Fachbeirat für die Ausstellung „Nationalsozialismus in Freiburg“, die den letzten Zögerlingen verdeutlicht hat, dass wir ein solches Haus brauchen – aus Verantwortung für diesen Teil Freiburger Geschichte und ihrer weitreichenden Folgen bis in die Jetztzeit. Zur Erforschung, Darstellung und Vermittlung in all ihren vielfältigen Facetten - für heutige und künftige Generationen.

Zur Begründung unseres Ergänzungsantrags, der lautet: „Der Gemeinderat beauftragt die Verwaltung mit der Erarbeitung einer detaillierten Ausstellungskonzeption und eine Einrichtungsplanung für das NS-Doku- und Info-zentrum. Bei der Erarbeitung einer detaillierten Konzeption sind Schnittstellen der NS Zeit mit der Gegenwart herauszuarbeiten und die Auseinandersetzung mit tagesaktuellen Themen wie Neue Rechte, Rassismus, Chauvinismus, Antisemitismus, Anti-Ziganismus und Homophobie zu befördern. Diese Konzeption ist mit allen relevanten Gruppen abzustimmen und dem Gemeinderat bis Ende 2019 zum Beschluss vorzulegen.“

Wer aktuell die sozialen Medien aufmerksam verfolgt, weiß wie notwendig diese Einrichtung und ihr Bildungsauftrag ist. Sie soll Zusammenhänge aufzeigen von der Entwicklung der NS-Zeit zum Faschismus  damals, vom  Postulat der Bundeskanzlerin - „Wir schaffen das“ und der darauf folgenden Willkommenskultur - zur AFD in den Parlamenten, ihrer Hetz-Sprache und deren Übernahme durch die Medien bis zu Übergriffen aus fremdenfeindlichen, antisemitischen und Islamophoben Übergriffen und Anschlägen. Die Symptome zunehmender Rechtsentwicklung müssen deutlich benannt und als Angriff auf die Demokratie und Menschenrechte gewertet werden:  brennende Flüchtlingsheime, ein staatlich verharmloster NSU, die wachsende Anzahl von Reichsbürgern, ein staatsgetragener Innenminister Seehofer, dessen Abschottungspolitik und die allgemein zunehmende Rechtsentwicklung darstellen. Das Infozentrum soll aber auch darstellen was und wer dem gegenüber steht und dagegen hält: aktuell bundesweite Initiativen und Protestaktionen, zahlreich auch in Freiburg, wie z.B. zusammen leben, zusammen stehen gegen die AFD am kommenden Freitag im Bürgerhaus Zähringen, oder Seebrücke – für die Seenotrettung im Mittelmeer.

Was erwarten wir darüber hinaus und überhaupt vom künftigen Doku- und Info- und Lernort zur NS-Zeit?

 
  • Dass er zentral gelegen, an einem innerstädtischen und möglichst authentischen Ort nahe des Platzes der Alten Synagoge sein wird
  • Dass das Rotteck-Haus auf seine Eignung dafür geprüft wird. Sollte sich diese Eignung bestätigen, möchten wir das Angebot des Kolping Werks annehmen, von seinem Mietvertrag für die Angell-Wirtschaftsakademie zurückzutreten
  • Dass das Raumprogramm nicht so eng konzipiert wird, wie in der Drucksache vorgesehen, sondern großzügige Flächen für Sonderausstellungen wie pädagogische und digitale Räume vorsieht
  • Dass darüber hinaus viele weitere Orte mit NS-Geschichte in Freiburg vernetzt und als Erforschungs- Besuchs- und Lernorte für Schulklassen wie für Stadtführungen real und medial mit vielen Informationen hinterlegt, einbezogen werden.  Z.B. die beiden Klassenräume der ehemaligen Judenschule in der Lessingschule, die Orte der Stolpersteine, de Folterkeller im Basler Hof, die Gertrud-Luckner-Bibliothek oder die Kreispflegeanstalt an der Eschholzstraße, das Liefmann-Haus u.v.a.
  • Dass die Geschichte des NS auch aus der Sicht Arbeiterbewegung, des Widerstands und der Emigration erzählt wird
  • Dass noch viele „blinde Flecken Freiburger NS-Zeit“ erforscht werden und gerade auch dafür eine enge Kooperation mit der Universität gesucht wird. Hier ist insbesondere die sog. „Arisierung“ zu nennen, der damals als ordnungsgemäßer „Verkauf“, heute als Raub eingeordnete Teil der Judenverfolgung. Dies gilt auch für die Vertreibung oder Vernichtung jüdischer Kulturschaffender und Wissenschaftler aus attraktiven bzw. begehrten Positionen. Des Weiteren sind die Täter noch ein unterbeleuchtetes Thema.
  • Dass Freiburgs Kolonialgeschichte wie auch die besondere Rolle der Universität z.B. in der sog. „Rassenlehre“ hin zum Rassismus und Faschismus einbezogen wird.

Vor allem aber ist uns wichtig, dass alle Opfergruppen in die Entwicklung der Feinkonzeption einbezogen werden. Gerade weil das Doku-Zentrum auch ein Ort des Gedenkens werden soll, haben wir ihnen gegenüber eine besondere Verantwortung und jegliches vergangene Leid darf auf keinen Fall gering geschätzt oder gar ausgeblendet werden. Dabei ist die Übereinkunft mit den jüdischen Gemeinden aus dem Moderationsverfahren, die Steine des Fundaments der Alten Synagoge, am vorgesehenen Ort des Gedenkens im Doku-Zentrum würdevoll zu integrieren, ein schweres Erbe für die Entwicklung dieser Feinkonzeption.  Ist das Versprechen doch ein Ergebnis der Ablehnung, sie am authentischen Fundort zu integrieren.

Obwohl die Gesamtkonzeption unter Beteiligung aller Opfergruppen erfolgen soll, stellt diese Übereinkunft  eine Vorentscheidung dar, die aber bislang nicht ausreichend demokratisch legitimiert ist. Es bedarf deshalb dringend klärender Gespräche mit weiteren Vertreter*innen aller am Erinnerungsprojekt zu beteiligenden Initiativen.

Denkbar und für wünschenswert hält unsere Fraktion, dass das Haus zur Freiburger NS-Geschichte auch ein Dach und Wirkungskreis für alle bietet, deren Arbeit sich mit dieser Geschichte, deren Folgen wie den Gegenbewegungen widmet.
 

Irene Vogel