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www.unabhaengige-listen-freiburg.de | 10.12.2018

Offener Brief an den Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon

Ehrenbürgerinnenwürde für Frau Dr. Gertraude Ils

Die Freiburger Frauengruppen und -initiativen
bitten den Oberbürgermeister der Stadt Freiburg, Dr. Dieter Salomon,
für die Altstadträtin Dr. Gertraude Ils die Ehrenbürgerinnenwürde zu beantragen

Der Gemeinderat unserer Stadt hat bisher drei Frauen die Ehrenbürgerinnen-Würde zugesprochen. Sie wurden für Leistungen geehrt, die sich von denen der männlichen Ehrenbürger grundsätzlich unterschieden: Sie retteten entweder die ganze Stadt vor der Zerstörung, wie Philomene Steiger (Ehrung 1985), oder ganze Bevölkerungsgruppen vor Hunger, wie Martha Walz-Birrer, (1949) oder vor der Vernichtung, wie Gertrud Luckner (1979). Damit wurden in dieser Stadt für die Ehrung von Bürgerinnen Maßstäbe gesetzt, die nur in dunkelsten Zeiten der deutschen Geschichte möglich waren. Sieht man sich die Leistungen der 17 männlichen Ehrenbürger an, so handelt es sich um Personen, die kraft ihres Amtes, ihrer öffentlichen Stellung oder ihres Vermögens hohe Verdienste um die Stadt erworben haben. Solche Verdienste konnten Frauen bisher nicht aufweisen.  
Weibliche Biographien verlaufen anders. Abgesehen davon, dass ihre jahrelange Familienarbeit unsichtbar bleibt, wird ihr beruflicher Werdegang dadurch in der Regel unterbrochen. Somit haben die wenigsten Frauen in den vergangenen Jahrzehnten so kontinuierlich in der Öffentlichkeit gewirkt und damit im Scheinwerferlicht gestanden, dass ihre Leistungen besonders aufgefallen wären; erst in den letzten Jahren stiegen Frauen vermehrt in herausragende Positionen in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft und Kultur auf. Diese unterschiedlichen lebensgeschichtlichen Entwicklungen führten zu dem in Freiburg bestehenden Ungleichgewicht zwischen Frauen und Männern, bezogen auf die Verleihung der  Ehrenbürgerwürde.

So anders und typisch weiblich ist auch die Biographie von Dr. Gertraude Ils, deren außerordentliche Leistungen bisher zu wenig öffentlich in den Blick fielen. Deshalb wollen wir diesen Blick nun auf sie lenken.

1909 geboren, studiert sie u.a. in Heidelberg und Köln Germanistik, Geschichte und Kunstgeschichte,, promoviert 1933 zum Thema Die Blütezeit des Kindertheaters, ein Beitrag zur Theatergeschichte des 18. Jahrhunderts, arbeitet ab 1933 bis zur Schließung aller Theater 1944 beim Deutschen Bühnenverein Berlin. 1939 heiratet sie den Berliner Jura-Studenten und späteren SPD-Bundestagsabgeordneten Hans Ils, mit dem sie 1944 und 1950 zwei Kinder bekommt. 1953 unter dem Schock der deutschen Wiederbewaffnung Eintritt in die SPD. 1959 macht sie mit 50 Jahren den Führerschein. 1962 Wiedereinstieg in die Berufstätigkeit als Mitarbeiterin in der ev. Ehe- und Jugendberatungsstelle Osnabrück. 1968 wurde sie Gemeinderätin in Bad Iburg.

1972 nach Freiburg umgezogen ließ sich Getraude Ils wenig später trotz ihres vorgerückten Alters von 66 Jahren für die SPD in den Gemeinderat wählen. 10 Jahre war sie Ratsfrau. In Freiburg waren das Jahre großer sozialer und kulturpoltischer. Frau Ils´ wichtigste Themen waren Frauen, Soziales, Kultur. Sie war streitbar, doch war ihre Arbeit stets auf Konsens gerichtet. Über alle Fraktions- und Parteigrenzen hinweg suchte sie sich Partnerinnen bei der CDU, der FDP, den Freien Wählern und später den GRÜNEN. Findig und strategisch sicher hat sie das überfraktionelle Kulturquintett (Emilie Meyer, Die GRÜNEN, Ursula Kopf, CDU, Edith Goldschagg, FDP, Ingrid Baas, Freie Wähler, Getraude Ils, SPD) mit ins Leben gerufen, dessen Ruf noch heute legendär ist.
Frau Dr. Ils hat in den konfliktreichen Jahren 1975 bis 1985, als in Freiburg die politischen Spannungen zu eskalieren drohten, Entscheidendes zur Befriedung der Stadt beigetragen. Sie hat nicht nur unendlich viel für den sozialen Frieden getan, sondern sie hat mit der Förderung der alternativen und institutionellen Kultur das kulturelle Leben unserer Stadt bereichert.

Mit Beharrlichkeit und Autorität vermittelte sie zwischen Stadt und alternativen Kulturgruppen, suchte das Gespräch mit allen Beteiligten, warb für Verständnis, nahm Konflikten die Schärfe, ging Bündnisse ein. Ihrer unermüdlichen Tätigkeit ist es zu verdanken, dass Räume für die verschiedenen Kulturinitiativen gefunden und gesichert wurden. So konnte die alternative Kultur sich in Freiburg entfalten und die Stadt reicher und anziehender machen. Bis heute verleihen diese Errungenschaften Freiburg sein unverwechselbares Gesicht.

Das reichhaltige Kulturleben in Freiburg verdankt sich vielen Persönlichkeiten und Initiativen von verschiedenen Seiten, aber immer wieder war es Frau Dr. Ils mit ihrer Klugheit, ihrem Verhandlungsgeschick und ihrer Mittlertätigkeit zwischen Stadt und Künstlern, die Schwierigkeiten beiseite räumte, Blockaden aufhob und die Voraussetzungen für vieles schuf, von dem Freiburg bis heute zehrt.
Vor allem die folgenden Einrichtungen verdanken es dem Einsatz von Dr. Ils, dass sie sich etablieren konnten.
  • Das Freiburger Kinder- und Jugendtheater, dem Dr. Ils gegen viele Widerstände durch Einfallsreichtum und Zähigkeit seine Spielstätte im altgedienten Marienbad verschaffte.
  • Das Kommunale Kino, das mit ihrer Hilfe seinen Platz im Alten Wiehrebahnhof fand und seither als nicht-kommerzieller Ort für diese Kunstform des 20. Jahrhunderts hochinteressante Programme anbietet und Videofestivals inszeniert. Das Kommunale Kino ist inzwischen weit über Freiburg hinaus bekannt und vielfach ausgezeichnet und mit Preisen bedacht.
  • Radio Dreyeckland, das sein Studio im innerstädtischen Areal der ehemaligen Grether-Fabrik installieren konnte, die Voraussetzung für den Erhalt der offiziellen Sendelizenz, inzwischen eine geachtete Institution innerhalb der Freiburger Medien.
  • Das Feministische Archiv und das Archiv Soziale Bewegungen fanden mit ihrer Unterstützung Räume und städtische Hilfe.
  • Der Arbeitskreis Alternative Kultur konnte für seine Veranstaltungen ins ehemalige städtische Elektrizitätswerk einziehen. Das E-Werk ist eine nicht mehr wegzudenkende kulturelle Institution in Freiburg geworden, für den Bereich Bildende Kunst und Schauspiel, ein Veranstaltungsort mit Namen, mit dem alljährlich das Tanzfestival stattfindet.

All dies hat uns bewogen, unsere Bitte auszusprechen. Das Leben von Frau Dr. Ils ist beispielhaft für eine weibliche Biographie im 20. Jahrhundert. Sie hat auf vorbildliche Weise die Vereinbarkeit von Beruf und Familie gelebt, sowie ein engagiertes Leben im Dienste der Allgemeinheit geführt. Um mit Walter Moßmann zu sprechen: "Getraude Ils ist eben eine von den kleinen Menschen, zu denen alle aufblicken."

Nach ihrer Tätigkeit als Ratsfrau blieb sie weiter für Freiburg aktiv. Lange noch hat sie sich als sachkundige Bürgerin im Kulturausschuss eingemischt, hat bis vor kurzem in öffentliche Diskussionen eingegriffen und Initiativen beraten und unterstützt.

Am 16. April 2009 wird sie ihren 100. Geburtstag feiern. Das ist der beste Zeitpunkt für die Verleihung der Ehrenbürgerwürde.

Wir meinen: Getraude Ils hat sich um die Stadt Freiburg und ihre Bürger/innen in so hohem Maß verdient gemacht, dass sie zur Ehrenbürgerin ernannt werden sollte. Sie ist – im besten Sinn des Wortes  – eine citoyenne.

Freiburg, den 22. Januar 2009

Erstunterzeichner/innen:
I. Vogel - UFF-Stadträtin* G. Köhler - ASF. H. Rosahl-Theunissen – ASF*R. Lepach – OFF* B. Lang-Königsmann – DAB* B. Müller – die weibsbilder* G. Mettel, FMGZ* S. Lopez – Wendepunkt* W. Aulmann – Verdi* T. Werner – Freiraûm* M. Hanser, KDA* H.I. Schüle – Deutscher Frauenring FR* J. Prpic, Anwältinnen ohne Grenzen* I. Haag – Katholischer Dt. Frauenbund* A. Schmid-Kaufhold – Dt. Juristinnenbund