Rede Michael Moos
Herr Oberbürgermeister, meine Damen und Herren,
Sparen, Abbau von Schutzrechten, Kampf gegen das Anspruchsdenken
,- alles schon mal da gewesen. Tucholsky, 1930, in seinem Gedicht:
„Die freie Wirtschaft“ (1930)
Ihr sollt die verfluchten Tarife abbauen.
Ihr sollt auf Euren Direktor vertrauen.
Ihr sollt die Schlichtungsausschüsse verlassen.
Ihr sollt alles Weitere dem Chef überlassen.
Kein Betriebsrat quatsche uns mehr herein,
wir wollen freie Wirtschafter sein!
Wir diktieren die Preise und die Verträge –
Kein Schutzgesetz sei uns im Wege.
Ihr braucht keine Heime für Eure Lungen,
keine Renten und kein Versicherungen.
Ihr sollt Euch allesamt was schämen,
von dem armen Staat noch Geld zu nehmen!
Ihr sollt nicht mehr zusammenstehen.
Wollt Ihr wohl auseinander gehen!
Ihr sagt: die Wirtschaft müsse bestehen –
Eine schöne Wirtschaft. Für wen? Für wen?
Das laufende Band, das sich weiter schiebt,
liefert Waren für Kunden, die es nicht gibt.
Ihr habt durch Entlassung und Lohnabzug sacht
Eure eigene Kundschaft kaputt gemacht.
Denn Deutschland besteht –
Millionäre sind selten –
aus Arbeitern und Angestellten!
Und Eure Bilanz zeigt mit einem Male
einen Saldo mortale.
Während Millionen stempeln gehen.
Die wissen, für wen!
Auch wir können wissen, wer hinter dem Vorhang der sog.
Konsolidierung der öffentlichen Haushalte abkassiert. Die
Wirtschaftsseite der BZ vom 26.03.05 vermeldete: „Die Gewinne
verdoppelt“, die 30 größten Firmen haben ihre Gewinne auf 35,7 Mill.
Euro verdoppelt und gleichzeitig 35000 Stellen gestrichen. Weiterer
Artikel : „Gute Zeiten für Aktien“, in dem über eine Veranstaltung der
Volksbank Freiburg berichtet wird auf der Walter Brandstätter von
der DZ Bank berichtete, dass „die Unternehmen ihre Gewinne weiter
steigern könnten“. Seinen Berechnungen zu folge“ werden die Gewinne der
Unternehmen in diesem und im kommenden Jahr noch einmal um mehr als 30%
steigen“ BZ, 26.03.05, S.13). 3. Artikel: „Abbau in
Schrittchen“, vermeldet, dass die Reste der Mez AG vom Eigentümer
Coats AG eingespart werden, in Freiburg zum Jahresende 93 Beschäftigte
der Färberei. Tröstlich, dass die weiteren Artikel uns darüber
informieren, dass Ackermann von der Deutschen Bank 2003 eine Million
weniger als im Vorjahr , nämlich nur 10,1 Mio. € verdient hat und dass
Porsche beim Kauf eines neuen 911 7 % Rabatt gewährt. Bei all den
Ausführungen über die Notwendigkeit zum Sparen wurde nämlich vergessen
zu sagen, für wen wir so fleißig sparen. „Wer hat, dem wird gegeben“,
titelte der Spiegel 49/2004 und schrieb: „Die Reichen werden immer
reicher, die Armen ärmer“. Die Einkommen aus Unternehmen und
Vermögen machten 2003 einen Satz von 106 Milliarden Euro auf
126,5, absoluter Höchststand.
Gleichzeitig sank die Steuerquote von 24,6% in 2000 auf 22,5% in 2004.
Damit fehlen der öffentlichen Hand runde 50 Milliarden € bei der
Erfüllung ihrer Aufgaben. Mit immer weiter wachsender Verschuldung und
damit wachsender Zinslast vergrößert sich die Schere: wachsender
Reichtum aus Unternehmen und Vermögen einerseits, wachsende öffentliche
Armut andererseits.
Weil dieser Zusammenhang in ihrer Haushaltsrede, Herr OB , ebenso wie
in denen von Ihnen, Frau Viethen und Frau Feierling-Rombach
unterschlagen wird, wird das Sparen und die Anpassung der öffentlichen
Leistungen an die reduzierten Möglichkeiten idealisiert. Es wird
vernebelt, dass dieses Sparen und Kaputt-Sparen nichts anderes ist als
ein willfähriger Beitrag zur großen Umverteilung von unten nach oben,
nicht zum Nutzen, sondern zum Schaden der kommenden Generationen.
Diese Politik ist eine einzige Talfahrt auf Kosten der Städte und der
in ihr lebenden Menschen, die noch lange nicht beendet ist, wenn nicht
die davon betroffenen Menschen sich zu Wort melden. Im Jahr 1994, also
vor 11 Jahren, skizzierte das Manifest der Oberbürgermeister – rettet
unsere Städte jetzt“, die sich abzeichnenden Folgen:
„In vielen Bereichen müssen wir sogar Maßnahmen ergreifen, von denen
wir wissen, dass sie kontraproduktiv sind: manche Kürzungen im
Jugendbereich zum Beispiel können schnell Erziehungsprobleme
verschärfen. Drastische Kürzungen bei den Unterhaltsmitteln für
städtische Gebäude ... werden in Zukunft zu enormen Sanierungsmaßnahmen
führen. Wir wissen auch, dass der Abbau städtischer Dienstleistungen
die Ärmsten am Stärksten trifft“.
Dies war noch vergleichsweise ehrlich, was die Folgen betrifft. Aber es
zeichnete sich auch ab, dass die Oberbürgermeister bereit waren, sich
den Bedingungen zu fügen und diesen Weg zu gehen, allen gegenteiligen
Beteuerungen zum Trotz. Sie wissen, dass sie den Konsequenzen aus
dieser Einsicht ausgewichen und Beschlüsse gefasst haben, die wir Ihnen
immer wieder vorhalten müssen: Gegen den Willen Vieler die Großprojekte
Konzerthaus und Neue Messe samt Erweiterung zu beschließen, mit
jährlichen Kosten für den Haushalt im Millionenbereich, während der
Sanierungsstau an den Schulen auf runde 100 Mio. € und an den
Schwimmbädern auf runde 10 Mio. € anwuchs.
Unsere Fraktionsgemeinschaft wird diesen Weg einseitig die kommunalen
Ausgaben herunter zu fahren, zum Schaden der Stadt und der in ihr
lebenden Menschen, nicht mitgehen. Allen gegenteiligen Behauptungen zum
Trotz gibt es Alternativen zu dieser Politik, die im Hinblick auf die
uns zugestandenen ganzen 10 Min. nur kurz skizzieren kann:
1. Um handlungsfähig zu werden, müssen wir an die
Einnahmeseite. Die Erhöhung der Gewerbesteuer nach 14 Jahren um 5%
würde uns zwischen 4-und 6 Mio. jährlich bringen. Jeder von Ihnen weiß,
dass weder die Sparkasse, noch die Volksbank, noch die großen Konzerne
mit ihren Freiburger Filialen deshalb ihre Standorte nach Schallstadt
verlegen. Würde diese Logik zutreffen müsste Karlsruhe oder Mannheim,
das seit Jahren höhere Gewerbesteuern hat als wir, eine wahre
Unternehmensflucht ins Umland oder nach Freiburg erlebt haben. Dieser
Punkt ist zentral, Sie, Herr Oberbürgermeister, Herr Erster
Bürgermeister und die anderen insoweit ablehnenden Fraktionen müssen
ihre Haltung insoweit überdenken.
Bertold Brecht fragte : „Was, meinst du, ändert sich leichter – ein
Stein oder deine Ansicht darüber ? Wir werden in den
nächsten 2 Jahren alles dafür tun, dass sich nicht der Stein ändern
muss.
Alles Jammern über die städtischen Finanzen ist unglaubwürdig, solange
nicht die wirtschaftlich Starken in der Stadt zur Finanzierung
öffentlicher Aufgaben verstärkt herangezogen werden. Gleichzeitig würde
auch das örtliche Handwerk von einer wieder anwachsenden
Investitionstätigkeit der Stadt seinen Nutzen ziehen. So könnten wenn
nicht neue Arbeitsplätze geschaffen, dann zumindest die vorhandenen
gesichert werden.
2. Nicht die Haushaltspolitik dieses OB ist das eigentliche Problem,
das eigentliche Problem ist die Konzeptionslosigkeit und das Fehlen
jeglicher Visionen zur Zukunft dieser Stadt, welche sich im Haushalt
nur widerspiegeln. Wir brauchen diese aber, nicht nur im Kulturbereich.
Für uns hat die Stadt die Aufgabe, der sozialen Verelendung und
Ausgrenzung von immer mehr Menschen entgegenzuwirken. Die Abschaffung
des Arbeitslosen, des Seniorenpasses und des Familienpasses war
angesichts wachsender Armut in der Stadt ein Skandal. Die Einführung
des von uns geforderten Sozialtickets und Sozialpasses ist dringend
notwendig. Der Rückgang der Besucher- und Nutzerzahlen in der
Stadtbibliothek und den Museen nach den hier beschlossenen Eintritts-
und Nutzerpreisen ist alarmierend, ebenso die Tatsache, dass sich immer
mehr Menschen die Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs angesichts der
ständigen Preiserhöhungen nicht mehr leisten können.
3. Für uns sind Bibliotheken, Museen, ebenso die Theater, die
Schulen, die Bürgerhäuser oder Jugendtreffs und Zentren von zentraler
Bedeutung in einer Welt, in der angesichts des alles verschlingenden
und beherrschenden Marktes die Urteilsfähigkeit und die Herausbildung
eines freien menschlichen Willens zunehmend verloren geht. Wir wollen
in dieser Stadt diese Räume erhalten und ausbauen, in denen die
Menschen dieser Stadt am öffentlichen Leben teilhaben und sich
Meinungen und Positionen herausbilden können. Die ständige
Gegenüberstellung von kulturellen Aufgaben und Sozialem, auch durch Sie
Herr Oberbürgermeister, lehnen wir ab. Beides sind notwendige
Voraussetzungen für die Teilhabe am öffentlichen Leben, beides gehört
zu den Grundaufgaben einer Kommune, so wie wir sie verstehen und beides
ist unverzichtbar.
4. Die vom OB angekündigte Verwaltungsreform werden wir kritisch
begleiten. Voraussetzung für ihr Gelingen ist unseres Erachtens, dass
die Betriebsvereinbarung verlängert wird, wonach betriebsbedingte
Kündigungen ausgeschlossen werden. Die Angst um den eigenen
Arbeitsplatz ist eine schlechte Voraussetzung für eine Mitarbeit bei
einer Verwaltungsreform, die ihrerseits auch den Anforderungen der
Geschlechtergerechtigkeit entsprechen muss.
Aktuelle und aussagekräftige Statistiken sind die Grundlage für eine
bedarfsgerechte Sozialpolitik als auch für geschlechtergerechte Politik
in allen gesellschaftlichen Bereichen. Deshalb lehnen wir die
beabsichtigte Auflösung des Amtes für Statistik und insbesondere den
50%igen Stellenabbau in diesem Amt ab.
5. Eine weitere Belastung der Familien wird es mit uns nicht geben.
Eine erneute Anhebung der Kita - Gebühren, nachdem vor 2 Jahren den
Eltern Ruhe für die nächsten Jahre versprochen wurde, lehnen wir ab.
Die Einführung des Ganztagesschulen ist insbesondere an den
Grundschulen eine der wichtigsten Voraussetzungen für bessere
Bildungschancen von Kindern aus Familien mit niedrigen Einkommen und
aus Migrationsfamilien. Es ist eine öffentliche Aufgabe,
Benachteiligungen aufgrund der Herkunft auszugleichen, der die Stadt
mit allen Anstrengungen nachgehen muss.
Die Einführung von Ganztagesschulen ist nicht nur wegen der Einführung
von G 8 an den Gymnasien zwingend, es ist auch für viele insbesondere
allein erziehende Frauen eine wichtige sozialpolitische Maßnahme. Umso
erschreckender ist die Tatsache, dass viele Schulen in Freiburg, die
hervorragende Vorarbeit geleistet haben, wie das Kepler-Gymnasium, das
Wenzinger oder das Droste-Hülshoff, nun keine Mittel aus dem
Investitionsförderprogramm des Bundes bekommen. Die Erklärung der
Verwaltungsspitze dafür ist bisher mehr als dürftig.
6. Die vom OB vorgeschlagene Verkleinerung des Gemeinderates würde nur
dazu führen, dass eine Kontrolle der Verwaltung und der Politik des OB
noch mehr erschwert würde. Wir wollen eine Ausbau der kommunalen
Demokratie, nicht deren Abbau. Wir unterstützen den Prozeß eines
Bürger- oder Beteiligungshaushaltes, wie er in Freiburg von der
Projektgruppe Beteiligungshaushalt im Rahmen der Agenda 21
vorangetrieben wird. Es geht im Kern darum, den Menschen in
dieser Stadt die Möglichkeit zu geben, über die Verwendung der
städtischen Gelder, soweit diese disponibel sind, mit zu entscheiden.
Die Öffnung des Haushaltsverfahrens in die Bürgerschaft hinein würde
die Entscheidungen über Investitionen und Zuschüsse transparent
machen und dem Lobbyismus und der Klientelpolitik ein Stück weit den
Boden entziehen. Das heißt aber auch, dass der Gemeinderat
dazu ein Stück Macht abgeben muss. Dazu ist unsere Fraktion bereit,
weil wir es für dringend nötig halten.
„Ja mach nur einen Plan
Sei nur ein großes Licht
Und mach dann noch nen zweiten Plan
Gehen tun sie beide nicht“, sagt Jonathan Peachum, der
Bettlerkönig in der Dreigroschenoper. Es ist, als ob er unsere
Haushaltspläne gekannt hätte.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.