Loading ...
www.unabhaengige-listen-freiburg.de | 18.12.2017

Rede Keller im GR am 19.9.2017

Atai Keller

Nach 56 Jahren wieder vor der Karlskaserne

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister,
verehrte Kolleginnen und Kollegen,
liebes Publikum auf der Tribüne,

Fast auf das Datum genau vor 141 Jahren am 3.Okt. 1876 wurde das Siegesdenkmal auf dem ehemaligen Kasernenplatz vor der Karlskaserne feierlich enthüllt. Neben dem Großherzog Friedrich von Baden, dem Freiburger Oberbürgermeister Karl Friedrich Schuster und vielen Stadthonoratioren waren sogar Kaiser Wilhelm  der erste, der zur Kur in Baden Baden weilte, und auch der Reichskanzler Otto von Bismarck anwesend. Wir sind gespannt, wer aktuell zur Einweihung der Wiederaufstellung des Siegesdenkmals auf dem neuen Knotenpunkt ohne Namen sich die Ehre geben wird und welcher Fettnapf bereit steht, in den die Stadtverwaltung hineintreten wird. Ich erinnere nur an den Platz der alten Synagoge mit seiner frühen samstäglichen Eröffnung und dem abgesagten Eröffnungsfest im Oktober.

Und da haben wir schon einen der großen Knackpunkte beim Siegesdenkmal 2017. Wir befinden uns nicht mehr in der damaligen historischen Situation und das Siegesdenkmal steht nicht auf seinem historischen Platz. Das Denkmal wird nach 56 Jahren wieder vor die Karlskaserne gestellt und zwar in der Zentralität, wie es die Verkehrsführung zulässt. Das ist das wichtigste, dem sich alle kulturellen Aspekte unterordnen müssen. Das, meine verehrten Kolleginnen und Kollegen, ist das Entscheidendste. Wenn das badische Denkmal wie die Siegessäule oder Trafalgasquare immer an einem Ort gestanden hätte, hätte man auch kaum so am Denkmal rütteln wollen. Doch die Wiederaufstellung in der heutigen Zeit, nach einem solchen Wahlausgang und nach solchen Sprüchen von Herrn Gauland bedarf schon einer besonderen Behandlung und einer besonderen historischen/kulturellen aber auch bautechnischen Sensibilität der Verantwortlichen.

Ob diese im Falle des Siegesdenkmals vorhanden ist, wage ich zu bezweifeln. Und nicht nur im Falle des Siegesdenkmals.  Genauso wie die Gedenkstätte der alten zerstörten Synagoge jetzt durch ihre Wasserbeschaffenheit zum Plantschen und Spritzen einlädt und damit eine nicht voraussehbare Bürgerschaftliche Nutzung eingetreten ist, die wir zulassen müssen und auch wollen, wird das neue Siegesdenkmal unerwartete Reaktionen auslösen, mit denen wir uns dann beschäftigen müssen. Ich hoffe, es wird kein städtisches Ungemach. Denn das Denkmal gerät aus dem Hintergrund zwischen Bäumen und Autos in eine ungewohnte neue Zentralität und wird als kriegerischer Solitär auf dem wie gesagt noch namenlosen Platz ein Blickfang werden. Ein Blickfang für die vielen Touristen und Cafebesucher von gegenüber und nicht nur für die!!! Und übrigens vom Freiburger Oberbaudirektor Schlippe ist der Satz überliefert: „Dass die Gründerzeit nach 1870/71 viele Geschmacklosigkeiten beging, ist bekannt“. 1993 zettelte die Badische Zeitung eine Umbenennungskampagne des Siegesdenkmals an mit Unterstützung des damaligen OB Böhme, die allerdings zu keinem Erfolg führte.

Ingrid Conradi schreibt in Michael Klants Skulpturenband 2 davon, dass vor 1961 das Siegesdenkmal das zweithäufigst fotographierte Motiv in Freiburg gewesen ist. Aber wollen wir das wieder so haben? 2017 ungebrochen? Es hätte viele Möglichkeiten gegeben, diese Denkmalversetzung zu einem Ereignis mit aktuellen Bezügen und neuen Ideen werden zu lassen. Allein die Bauverwaltung und die Kulturverwaltung haben schlecht miteinander kooperiert und die Mehrheit des Gemeinderats ist nicht bereit gewesen, eine andere Lösung zuzulassen. Das fehlende Geld ist nur eine Ausrede. Es fehlt am Willen und auch am Mut, gestalterisches Neuland zu begehen.

So versuchte die städtische Kunstkommission eine Rettung in letzter Minute durch einen Aufruf zu einem Ideenwettbewerb zur Aufstellung des Denkmals. Am 12. Juli fand auf Einladung der Kunstkommission eine gut besuchte Diskussionsveranstaltung im Kunstverein statt. Viele Bürgerinnen und Bürger taten ihr Interesse kund, bei der Aufstellung des Siegesdenkmals informiert zu sein und es gab eine rege Diskussion. Die Kunstkommission rief auf dieser Veranstaltung einen Wettbewerb aus unter dem Motto: „Das Siegesdenkmal kommt. Aber wie?“ Anlass der Ausschreibung waren die zu diesem Zeitpunkt noch offenen Fragen über die Ausrichtung, Sockelgestaltung und mögliche Ergänzungen oder Interventionen am zukünftigen Standort. Kurz davor wurde die neue Zeitplanung bekannt über die Aufstellung des Siegesdenkmals, die schneller als anvisiert , realisiert werden sollte.Trotz gemeinsamer Sitzungen zwischen Bauverwaltung und Kunstkommission wurde diese Zeitplanung erst durch meine Nachfrage im VAG Aufsichtsrat bekannt.

Hier ist eine mangelnde Bereitschaft der Bauverwaltung zu verzeichnen, die Kunstkommission als ein städtisches Gremium anzuerkennen, das bei solchen Vorhaben der Stadt aber ein gewichtiges Wort mitzureden hat. Die Einladung der Vorsitzenden Frau Angeli Janhsen zur letzten Bauausschusssitzung wurde auch erst auf Betreiben des Oberbürgermeisters ausgesprochen. Ich fordere die Verwaltung hiermit auf, den Stellenwert der Kunstkommission endlich zu klären und eine zukünftige problemlosere Zusammenarbeit zu garantieren.

Aber zurück zum Wettbewerb der Kunstkommission und deren Ergebnisse: Ich muss Ihnen sagen, meine Damen und Herren, sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, die Wettbewerbsergebnisse sind von hohem Interesse und setzen die Aufstellung des Siegesdenkmals in einen  Zusammenhang, der dem kriegerischen Unterbau nur gut täte. Bis zum 31.August gingen bei der Kunstkommission 14 Wettbewerbsbeiträge ein. Am meisten überzeugte der Vorschlag eines Büros aus Ingolstadt, das eine räumliche voneinander getrennte Aufstellung des Denkmals und des Sockels vorschlägt, ergänzt durch eine Audio-Installation, die den Soldatenfiguren antikriegs-Texte französischer Autoren in den Mund legt. Ebenfalls als sehr gelungen empfand die eingesetzte Jury einen Freiburger Vorschlag, der gegenüber der nach Süden blickenden Viktoria die Einrichtung eines begehbaren „Opferfeldes“ aus Rheinkieseln samt Bank und Gedenkmauer vorsieht. Weitere Vorschläge empfehlen unter anderem die sichtbare Demontage einer der vier Bronzetafeln und die Neuanbringung einer korrigierten Fassung („den kommenden Geschlechtern NICHT zum Beispiel“). Diese Tafel inspirierte übrigens die Nazionalsozialisten im dritten Reich, das Siegesdenkmal in ihre Propaganda miteinzubeziehen. Ein weitere Vorschlag beinhaltet eine begehbare Installation von rund einem Dutzend strahlenförmig um das Denbkmal in den Boden eingravierten Fragen über Krieg, Frieden und die Welt, in der wir leben möchten.

Warum hat die Bauverwaltung nicht in einem früheren Zeitpunkt, einen Ideenwettbewerb über die Neuaufstellung des Siegesdenkmals zugestimmt? Dieser Wettbewerb unter Beteiligung von Architektenbüros, Künstlern und Bürgerinnen und Bürgern kostet die Stadt im Moment keinen Pfennig, nur die Bereitschaft, eine aktive bürgerschaftliche und künstlerische Beteiligung zuzulassen. Die Bauverwaltung geriert sich an dieser Stelle jedoch ängstlich, eng und formal, so bekommen wir jetzt eine bürokratische Lösung für ein Denkmal, das in seiner puren Wiederaufstellung hohen symbolischen Wert besitzt.

Sie erinnern sich, die Unabhängigen Listen haben zwei Haushalte lang einen Wettbewerb gefordert für 250.000.- am Ring, zeitgenössische Kunst zu errichten oder zeitgenössische Interventionen, aber wir kamen bei Ihnen, liebe Kolleginnen und Kollegen und bei der Verwaltung nicht durch. Jetzt scheint es zu spät für aktuelle Lösungen und ich kann nur an die Bauverwaltung und den Oberbürgermeister appellieren, schauen Sie sich die Gewinner des Wettbewerbs an, laden Sie die Leute ein und hirnen Sie gemeinsam, was noch zu realisieren ist trotz der schon angefangenen Fundamentbearbeitung seit Donnerstag. Überhaupt, warum wurden diese Arbeiten angefangen mit einer Probeabstimmung im Bauausschuss. Seit wann hebelt der Bauausschuss bei einer so wichtigen Entscheidung die Entscheidungshoheit des Gemeinderats aus? Das ist mir neu? War da so wichtig? Oder sollten Tatsachen geschaffen werden?

 Wir alle haben 2015 eine Gemeinderatsdrucksache beschlossen, in der festgehalten wurde, dass der Gemeinderat die Aufstellungseinzelheiten wie Sockel, Ausrichtung und andere Möglichkeiten in einer gesonderten Vorlage beschließt? Was, meine Damen und Herren, ist von diesem Beschluss nun noch übrig geblieben? Die Fundamente sind gegossen und die Ausrichtung ist nur um 9o Grad veränderbar, das  will momentan aber nur eine Fraktion. Kleine, aber im Detail wichtige Veränderungen wie es die Kunstkommission vorgeschlagen hat außerhalb des Wettbewerbs, wie die leichte Drehung der Nikae um 15% nach Süden, oder keine Sockelgestaltung, - jeder Sockel ist ein Sockel und stellt eine Erhabenheit dar , - sind nun nicht mehr möglich. Da sind auch Sie beteiligt, meine lieben Kolleginnen und Kollegen. Dann wird eben jetzt der samstägliche Kaufrausch in der Kajo unter den begrüßenden Augen der Siegesgöttin stattfinden zum Wohle aller Touristen und der Freiburger Geschäftswelt.

Wir finden das alles so nicht gut und sehen den Standort unter diesen Umständen kritisch. Wir schließen uns weiterhin dem Votum der Kunstkommission an, keinen Sockel! - auch nicht drei cm, die leichte Drehung der Nikae um 15% bis 20%.  Dazu haben wir allerdings keinen Antrag mehr gestellt, weil die Bauverwaltung ja seit Donnerstag Tatsachen geschaffen hat. Auch zu den Ergebnissen des Wettbewerbs der Kunstkommission haben wir keinen Antrag gestellt, da auch diese durch die angefangenen Bauarbeiten im Kern wahrscheinlich verunmöglicht wurden und außerdem die Ergebnisse den einzelnen Gemeinderäten auch noch nicht in Gänze vorliegen.

Ich bitte die Verwaltung , die jetzt vorliegenden Ergebnisse des Wettbewerbs der Kunstkommission auf ihre Machbarkeit zu prüfen, und gegebenenfalls im Bauausschuss oder im Kulturausschuss darüber zu informieren. Wir erwarten eine baldige Diskussion über die Benennung des Platzes und wenigstens eine vorläufige Beschilderung des Denkmals.
Mangelnde Transparenz, mangelnde Ämterkooperation,mangelnde Bürgerbeteiligung, mangelndes Kunstverständnis,  insgesamt ein äußerst unbefriedigende Kapitel der jüngsten Freiburger Bau und Gestaltungs-geschichte. Wir lehnen die Ziffer 2 der Vorlage der Verwaltung ab.

Atai Keller